
Die Gostilna Rajh in Bakovci nahe Murska Sobota gilt als kulinarischer Botschafter der slowenischen Region Prekmurje. Tanja, Damir und Leon Pintarič zeigen, wie traditionelle Gerichte wie Lángos, Bograč, Essigfleisch und Prekmurska gibanica mit moderner Handschrift und echter Gastfreundschaft zu einem kulinarischen Reiseziel werden, nur kurz hinter der österreichischen Grenze.
Manche Restaurants muss man nicht lange erklären. Man betritt sie, nimmt Platz, spürt die Atmosphäre und versteht. Die Gostilna Rajh in Bakovci, unweit von Murska Sobota im Nordosten Sloweniens, ist so ein Ort. Ein Haus, das nicht laut sein muss, um bedeutend zu wirken. Ein Familienbetrieb, der in der Region Prekmurje längst als kulinarischer Botschafter gilt. Und ein Restaurant, das zeigt, wie kraftvoll Herkunft schmecken kann, wenn sie nicht als Nostalgie, sondern als Haltung verstanden wird.
Geführt wird die Gostilna Rajh von Tanja Pintarič und Sommelier Damir Pintarič. In der Küche prägt inzwischen Leon Pintarič die nächste Phase des Hauses. Er ist Teil der fünften Generation und damit nicht nur Koch, sondern auch Übersetzer einer Familiengeschichte, die weit über Rezepte hinausgeht. „Gostilna Rajh in drei Worten? Tradition, Erbe, gute Rezepte“, sagt Leon Pintarič. Ein Satz, der auf den ersten Blick schlicht klingt, aber den Kern dieses Hauses erstaunlich präzise beschreibt.
In Zeiten, in denen viele Gastronomiekonzepte über Design, Trends und Inszenierung funktionieren, wirkt die Gostilna Rajh fast wohltuend geerdet. Hier steht nicht die Pose im Vordergrund, sondern das Produkt, die Region, die Familie und die Frage, wie man ein kulinarisches Erbe so weiterführt, dass es auch für die nächste Generation relevant bleibt.
Leon Pintarič hat sein Wissen nicht nur in Küchen gesammelt, sondern vor allem dort, wo viele große kulinarische Geschichten beginnen: in der Familie. Von seiner Ur-Großmutter, Großmutter und seiner Mutter Tanja, von den Rezepten früherer Generationen. Besonders berührend ist, dass er nach wie vor mit handgeschriebenen Rezepten seiner Ur-Urgroßmutter arbeitet. „Ich habe ein Kochbuch von meiner Ur-Urgroßmutter. Die Rezepte sind alle von ihr geschrieben, handgeschrieben“, erzählt er. Seine Philosophie ist dabei klar: Jene Gerichte, die das Gasthaus aufgebaut haben, werden nicht verändert. „Das ist Prekmurska gibanica, Bograč und Lángos. Wird nie geändert.“ Dieser Zugang ist bemerkenswert. Denn er verwechselt Weiterentwicklung nicht mit Austauschbarkeit. Die Klassiker bleiben Klassiker. Nicht, weil man sich nichts Neues traut, sondern weil man weiß, dass manche Gerichte ein Haus tragen.
Auf die Frage, was Prekmurje auf dem Teller bedeutet, antwortet Leon Pintarič ohne Zögern: „Prekmurje oder unsere Region, wo wir uns befinden, sind drei Gerichte. Das ist Lángos, Bograč und Prekmurska gibanica.“ Diese drei Speisen erzählen viel über die Region. Lángos, der frittierte Teig, steht für eine bodenständige, genussvolle Küche, die satt macht und glücklich. Bograč, ein kräftiger Eintopf mit drei Fleischsorten Schwein, Rind und Hirsch ist ein Gericht der Tiefe, der Wärme und der regionalen Verwurzelung. Und die Prekmurska gibanica, das berühmte Dessert aus Walnüssen, Topfen, Mohn und Äpfeln, ist mit ihren mehrfach wiederholten Schichten fast ein kulinarisches Symbol für die Region selbst. „Es wird zweimal wiederholt und es sind insgesamt 16 Schichten“, erklärt Leon. Wer verstehen will, wie viel Geschichte, Handwerk und Identität in einem Dessert stecken können, findet hier eine eindrucksvolle Antwort.
Eine der schönsten Geschichten aus dem Gespräch mit Leon Pintarič betrifft zwei einfache, aber grundlegende Zutaten: Salz und Essig. „An zwei Sätze kann ich mich von meiner Ur-Urgroßmutter erinnern: Vergiss nie auf Salz und auf Essig.“ Was nach einer Küchenweisheit klingt, ist in Wahrheit ein tiefes Verständnis von Geschmack. Essig wurde in der regionalen Küche nicht nur als Säuregeber eingesetzt, sondern als Aromaverstärker, als Balance, als Mittel, um Eintöpfen und kräftigen Gerichten Tiefe zu verleihen. Leon beschreibt es als jenen fünften Geschmack, als Umami-Moment, der ein Gericht vollständiger macht. Genau hier zeigt sich die Stärke der Gostilna Rajh: Tradition wird nicht romantisiert, sondern kulinarisch verstanden. Es geht nicht darum, alte Rezepte einfach zu reproduzieren. Es geht darum, ihre Logik zu begreifen und sie mit zeitgemäßer Präzision weiterzutragen.
Ein Gericht, das diese Philosophie besonders eindrucksvoll zeigt, ist das Essigfleisch der Gostilna Rajh. Saures Rindfleisch, fein mariniert, mit Radieschen, Schnittlauch, Kren und Kürbiskernöl. Dazu eine hauchdünne kleine Teigtasche in aromatischem Sud. Dieses Gericht ist nicht effekthascherisch, nicht auf Instagram-Dramatik gebaut. Und genau deshalb bleibt es hängen. Es zeigt, wie viel Eleganz in vermeintlich einfachen Gerichten stecken kann, wenn Produkt, Technik und Erinnerung zusammenkommen. Ein Signature Dish ist nicht einfach das bekannteste Gericht eines Hauses. Es ist jenes Gericht, das Identität stiftet. Das man erzählt. Das man wieder essen möchte. Das man mit dem Ort verbindet. In der Gostilna Rajh ist das Essigfleisch genau so ein Gericht: exzellent, regional, präzise und mit Rückkehrpotenzial.
Wer die Gostilna Rajh zum ersten Mal besucht, sollte sich laut Leon Pintarič auf das Menü einlassen. „Ein Fünf- oder Sieben-Gänge-Menü, damit man sich wirklich eine Vorstellung macht, was es bei uns alles gibt. Und dann beim nächsten Besuch à la carte.“ Das ist ein kluger Zugang. Denn Rajh funktioniert auf mehreren Ebenen. Man kann mittags oder abends à la carte essen. Man kann sich aber auch durch ein Menü führen lassen, das die Handschrift des Hauses in größerer Tiefe zeigt.
Schon der Auftakt macht deutlich, wie bewusst hier erzählt wird. Kleine Häppchen werden auf einem Stein aus der Mur serviert. Ein schönes Detail, das nicht nur optisch wirkt, sondern die regionale Verankerung subtil unterstreicht. Dazu kommen etwa Buchweizenbrot mit Kürbiskernölbutter, Schnittlauch und Salz, eine Tarte mit Frischkäse und Kübelfleisch, hausgemachte Schweinspastete, geräucherter pikanter Speck, Entenleberpastete mit Jurkatraubenmarmelade und Himbeeren oder ein frittiertes Bällchen aus Couscous und Spargel mit Zitronenmayonnaise. Dazu das hausgebackene Brot, ein gedrehter Germteig, der zeigt: In der Gostilna Rajh beginnt Gastfreundschaft nicht erst beim Hauptgang.
Ein besonders sommerlicher Menüauftakt widmet sich ganz der Tomate. Warm und kalt, in unterschiedlichen Farben, Texturen und Spielarten. Gelbe, rote und grüne Tomaten treffen auf Ziegenkäse, Avocadocreme, Borretsch, Salzzitronen und Kürbiskernöl. Danach folgt eine kalte Variante mit Lángos und Tomaten. Was hier passiert, ist typisch für Rajh: Ein Produkt wird nicht überladen, sondern aus verschiedenen Perspektiven gezeigt. Tomate ist nicht einfach Tomate. Sie wird zur Bühne für Säure, Süße, Frische, Fett, Kräuter und Textur. Das Kürbiskernöl gibt dem Gericht jenen regionalen Fingerabdruck, der sofort verrät, wo man gerade isst. Regionale Küche entsteht nicht durch das bloße Verwenden lokaler Produkte. Sie entsteht, wenn diese Produkte eine erkennbare kulinarische Sprache bekommen.
Die Gostilna Rajh lässt sich nicht in eine einzige Kategorie pressen. Genau das macht den Betrieb interessant. Er ist Wirtshaus, Familienrestaurant, kulinarisches Reiseziel und zugleich ein Ort, an dem feine Menüdramaturgie möglich ist. Gerichte wie Zander mit Dödeli, Grammeln, weißem Spargel und Trüffel zeigen, wie selbstbewusst hier zwischen Bodenständigkeit und Raffinesse vermittelt wird. Dödeli und Grammeln bringen regionale Substanz und Vertrautheit, Spargel und Trüffel setzen aromatische Eleganz. Es ist keine Küche, die ihre Herkunft versteckt, um internationaler zu wirken. Sie wird gerade dadurch spannend, dass sie ihre Herkunft ernst nimmt.
Diese Verbindung aus Gastlichkeit, Authentizität und zeitgemäßem Anspruch ist ein Grund, warum Rajh auch für die Hospitality-Branche interessant ist. Der Betrieb zeigt, wie man Tradition nicht als Stillstand, sondern als Profilierungsmerkmal nutzt.
Auch beim Dessert bleibt Rajh seiner Linie treu: vertraute Elemente, modern interpretiert, präzise balanciert. Rajh’s Pavlova mit Baiser, Joghurtschaum, Rhabarbergel, Holundereis, Erdbeeren und eingelegtem Rhabarber ist ein Dessert, das nach Sommer schmeckt, ohne beliebig zu sein. Knusprig, cremig, frisch, floral, säuerlich und süß – diese Pavlova ist kein schweres Finale, sondern ein eleganter Schlussakkord. Ein Dessert, das nicht nur ein Menü beendet, sondern noch einmal Lust macht, wiederzukommen. Gerade in einer Zeit, in der Desserts oft entweder sehr klassisch oder sehr konstruiert wirken, zeigt Rajh, wie stark ein Finale sein kann, wenn es emotional zugänglich bleibt und trotzdem handwerklich überzeugt.
Dass Familienbetriebe in der Gastronomie eine besondere Dynamik haben, ist bekannt. In der Gostilna Rajh wird diese Dynamik nicht verklärt, sondern mit Humor und Selbstverständlichkeit gelebt. Leon beschreibt die Zusammenarbeit in einem Wort als „interessant“. „Wir arbeiten drei Generationen: mein Opa, meine Mama und ich. Mein Opa ist zuständig für Einkauf, die Mama ist im Service und ich bin in der Küche“, sagt er. Dieser Satz zeigt, dass Rollen klar verteilt sind, dass Erfahrung und Jugend zusammenarbeiten und dass ein Betrieb dann besonders stark wird, wenn jede Generation ihren Platz findet. Für Familienbetriebe in der Gastronomie steckt darin ein wichtiger Mehrwert: Nachfolge gelingt nicht nur über Übergabe. Sie gelingt über Vertrauen, Aufgabenverteilung und die Bereitschaft, das Bestehende nicht als Belastung, sondern als Fundament zu sehen.
Die Gostilna Rajh liegt in Bakovci, einem Dorf in der Region Prekmurje im Nordosten Sloweniens. Für Gäste aus Österreich ist der Betrieb ein ideales Ziel für einen kulinarischen Kurztrip: nah genug für einen Ausflug, besonders genug für eine Reise. Die Umgebung bietet zusätzliche Argumente. Murska Sobota mit seinem historischen Schloss zählt zu den kulturellen Ankerpunkten der Region. Für Abenteuerlustige gibt es Heißluftballonfahrten mit dem Balonarski Klub Bakovci. Doch der eigentliche Grund für die Reise bleibt der Teller. Denn Rajh vermittelt ein Gefühl, das in der Gastronomie selten geworden ist: Man kommt nicht nur zum Essen. Man kommt, um eine Region zu verstehen.
Die Gostilna Rajh ist ein Betrieb, der zeigt, wie viel Kraft in Familiengeschichte stecken kann, wenn sie kulinarisch ernst genommen wird. Tanja, Damir und Leon Pintarič führen ein Haus, das Prekmurje nicht nur repräsentiert, sondern schmeckbar macht. Hier treffen Gastfreundschaft, Handwerk, regionale Produkte und moderne Leichtigkeit aufeinander. Es gibt à la carte, es gibt Menü, es gibt Mittagessen und Abendessen, Terrasse und Gaststube, Wirtshausgefühl und kulinarische Raffinesse. Vor allem aber gibt es Gerichte, die bleiben. Ein Essigfleisch, für das man wiederkommt. Eine Pavlova, die nach Sommer schmeckt. Eine Prekmurska gibanica mit 16 Schichten Geschichte. Und einen jungen Koch, der verstanden hat, dass Zukunft manchmal genau dort beginnt, wo man weiß, was man niemals verändern darf. Oder wie Leon Pintarič sagt: „Diese Region steht für gutes Essen.“ Mehr muss man über Prekmurje eigentlich nicht wissen. Man muss es nur kosten.
Adresse: Soboška ulica 32, Bakovci, 9000 Murska Sobota, Slowenien
Küche: Regionale slowenische Küche mit Schwerpunkt Prekmurje
Charakter: Familienbetrieb in fünfter Generation, Wirtshaus, kulinarisches Reiseziel und moderne Interpretation regionaler Klassiker
Gastgeber:innen: Tanja Pintarič und Sommelier Damir Pintarič
Küche: Leon Pintarič prägt als fünfte Generation die kulinarische Weiterentwicklung des Hauses
Auszeichnungen und Mitgliedschaften:
Alexandra Gorsche ist Food-Journalistin, Moderatorin, Speakerin, Beraterin und kulinarische Stimme mit klarem Fokus auf Fine Dining, Hospitality und zeitgenössische Restaurantkultur. Sie ist Chefredakteurin von Genusspunkt, verantwortet die kulinarische Leitung von stayinart und schreibt für renommierte Verlage und Medienmarken wie den Callwey Verlag. In ihrer Arbeit verbindet sie Gastronomie, Kultur, Design, Reisen und Unternehmertum von Michelin-prämierten Restaurants bis hin zu aktuellen Food-Trends, prägenden Küchenpersönlichkeiten und innovativen Hospitality-Konzepten.
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Die Gostilna Rajh in Bakovci nahe Murska Sobota gilt als kulinarischer Botschafter der slowenischen Region Prekmurje. Tanja, Damir und Leon Pintarič zeigen, wie traditionelle Gerichte wie Lángos, Bograč, Essigfleisch und Prekmurska gibanica mit moderner Handschrift und echter Gastfreundschaft zu einem kulinarischen Reiseziel werden, nur kurz hinter der österreichischen Grenze.