Wenn Erbsen Kaviar werden

Zwei-Sterne-Koch David Toutain als Gastkoch im Restaurant Ikarus im Hangar-7
© Helge Kirchberger Photography
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Alexandra Gorsche © Conny Leitgeb Photography
6. Juni 2026 | 
Alexandra Gorsche

Im Juni 2026 bringt David Toutain seine naturverwurzelte Zwei-Sterne-Küche ins Restaurant Ikarus im Red Bull Hangar-7 in Salzburg. Der französische Koch aus Paris zeigt, warum Gemüse, Kräuter, Fermentation und kurze Lieferketten im Fine Dining keine Nebendarsteller mehr sind, sondern die neue Sprache von Luxus. Ein Menü zwischen Normandie, Nachhaltigkeit und jener grünen Erbse, die Toutain den Kaviar des Gemüses nennt.

Wenn ein Koch Erbsen seinen Kaviar nennt, wird Fine Dining neu verhandelt

David Toutain gehört zu jenen Köchen, die Luxus nicht über Seltenheit, Preis oder Prestige definieren, sondern über Herkunft, Haltung und Präzision. Seine Küche beweist eindrucksvoll: Wurzeln, Kräuter, Gemüse, Blüten, Säure, Rauch und Fermentation können mehr Drama, Tiefe und Eleganz liefern als jedes klassische Luxusprodukt.

Toutain ist kein Koch, der Natur als dekoratives Narrativ verwendet. Bei ihm ist sie Ursprung, Methode und Sprache zugleich. Geboren 1981 in Flers in der Normandie, wuchs er auf einem Bauernhof auf. Als Kind verbrachte er seine Wochenenden im Küchengarten seiner Großeltern, umgeben von Kräutern, Blumen und Wurzelgemüse. Eigentlich wollte er Landwirt werden. Am Ende wurde er Koch, aber die Erde der Normandie hat ihn nie losgelassen.

Heute führt Toutain sein gleichnamiges Restaurant in einer ruhigen Straße im 7. Arrondissement von Paris. Ausgezeichnet mit zwei Michelin-Sternen und einem Grünen Stern, steht es für eine Küche, die leise beginnt und lange nachhallt. Sie ist nicht laut, nicht plakativ, nicht auf den schnellen Wow-Effekt gebaut. Vielmehr arbeitet sie mit Nuancen: mit Bitterkeit, Säure, Duft, Textur und der Frage, wie viel Ausdruck in einem scheinbar einfachen Produkt stecken kann.

Von der Normandie nach Paris: eine Küche mit Wurzeln

Toutains Karriere liest sich wie ein Parcours durch einige der prägendsten Küchen Europas. Nach seiner Ausbildung an der Hotelfachschule in Granville fand er seine Berufung während eines Stage-Aufenthalts im Manoir du Lys bei Franck Quinton. Es folgten Stationen bei Bernard Loiseau, Marc Veyrat und Alain Passard im L’Arpège, wo er bereits mit Anfang zwanzig als Souschef arbeitete.

Gerade Passards radikale Hinwendung zum Gemüse dürfte für Toutain ein entscheidender Moment gewesen sein. In einer Zeit, in der Fine Dining noch stark über Fleisch, Fisch, Kaviar und Trüffel erzählt wurde, begann Passard, Gemüse als Hauptdarsteller zu behandeln. Toutain nahm diesen Impuls auf, entwickelte ihn aber in eine eigene Richtung weiter: weniger klassisch französisch, mehr naturgetrieben, fermentiert, manchmal herb, oft floral, immer präzise.

Weitere Stationen im Mugaritz in Spanien und im Corton in New York erweiterten seinen Blick. Zurück in Paris machte er als Executive Chef im avantgardistischen Agapé Substance auf sich aufmerksam, bevor er im Dezember 2013 sein eigenes Restaurant eröffnete.

Gemüse als Dramaturgie, nicht als Beilage

Was Toutain im Ikarus zeigt, ist keine Pflanzenküche im engen Sinn. Fisch, Fleisch und Kaviar kommen vor. Aber sie sind nicht die Solisten des Abends. Sie sind Teil einer größeren Komposition, in der Gemüse, Kräuter, Säure, Texturen und Duft die eigentliche Dramaturgie übernehmen.

Das beginnt bereits bei den Snacks: Alge, Avocado und Buchweizen eröffnen das Menü mit einer Mischung aus Jodigkeit, Cremigkeit und nussiger Tiefe. Mais, Kümmel und Miso setzen auf Wärme, Umami und eine fast rustikale Erdung. Rote Bete, Himbeere und Gelbflossenmakrele verbinden Frucht, Süße, Säure und maritime Präzision. Die Gillardeau Auster mit Kiwi und Crème fraîche bringt jene Spannung, die Toutains Küche so interessant macht: vertraute Luxusprodukte werden nicht ehrfürchtig inszeniert, sondern in ein neues Verhältnis gesetzt.

Dann kommt jener Gang, der das Menü für mich auf den Punkt bringt: grüne Erbse, Orange und Tannenwipfel. Toutain nennt Erbsen den Kaviar des Gemüses und nach diesem Teller glaubt man ihm jedes Wort. Die Erbse tritt nicht als bescheidene Beilage auf, sondern als konzentrierter Ausdruck von Frische, Süße, Chlorophyll und Eleganz. Orange bringt Leuchtkraft, Tannenwipfel eine harzige, alpine, fast ätherische Note. Es ist ein Gericht, das zeigt, wie viel Luxus in Flüchtigkeit liegen kann. In einem Produkt, das genau dann groß ist, wenn man es nicht überformt.

Nachhaltigkeit als Kreativmotor

Der große Mehrwert dieses Menüs liegt nicht nur in der Geschmacksdramaturgie, sondern in der Haltung dahinter. Toutain arbeitet mit kleinen Produzenten, kurzen Lieferketten, einem eigenen Permakulturgarten in der Normandie, alten Getreidesorten und handwerklichen Betrieben. Das ist kein grünes Etikett für die Speisekarte, sondern eine Denkweise.

Und genau das ist spannend: Nachhaltigkeit wird bei Toutain nicht als moralischer Verzicht erzählt, sondern als kreativer Rahmen. Wer saisonaler, regionaler, bewusster arbeitet, muss nicht kleiner denken. Im Gegenteil. Einschränkung kann Präzision erzeugen. Der Verzicht auf austauschbaren Luxus zwingt zur tieferen Auseinandersetzung mit Produkt, Zeitpunkt, Herkunft und Verarbeitung.

Das zeigt sich besonders in den Hauptgängen. Zucchini, Zitronenmelisse und Sepia spielen mit Frische, Kräuterduft und mariner Struktur. Kabeljau mit Fenchel und schwarzer Johannisbeere verbindet Anisnoten, Frucht und feine Säure. BBQ-Hummer mit Spinat, Grapefruit und Wacholder arbeitet nicht mit opulenter Schwere, sondern mit Rauch, Bitterkeit und Zitrusspannung. Selbst die Burgaud Ente mit Karotte und Kumquat bleibt in dieser Logik: Fleisch ja, aber eingebettet in Frucht, Gemüse und Balance.

Toutains Küche ist nicht eins zu eins auf jeden Gastronomiebetrieb übertragbar und das muss sie auch nicht sein. Aber sie liefert wichtige Impulse für eine Branche, die zwischen Preissteigerungen, Nachhaltigkeitsdruck und veränderten Gästebedürfnissen steht.

Erstens: Gemüse braucht mehr Bühne. Nicht als Notlösung für vegetarische Menüs, sondern als eigenes Qualitätsversprechen. Ein präzise behandeltes Gemüse kann heute emotionaler, moderner und überraschender wirken als das nächste austauschbare Premiumprodukt.

Zweitens: Herkunft muss schmeckbar werden. Storytelling funktioniert nur dann, wenn es auf dem Teller eingelöst wird. Toutain erzählt nicht von der Normandie, weil es romantisch klingt. Man schmeckt die Wurzeln, Kräuter, Fermentationen, die Bodenständigkeit und die Sensibilität für Saison.

Drittens: Säure, Bitterkeit und Duft sind unterschätzte Werkzeuge. Viele Menüs bleiben in Komfortzonen aus Fett, Süße und Umami. Toutain zeigt, wie modern ein Menü wirkt, wenn florale, herbe und frische Elemente die Führung übernehmen.

Viertens: Nachhaltigkeit braucht Eleganz. Gäste wollen nicht belehrt werden. Sie wollen erleben, dass verantwortungsvolle Küche nicht weniger bietet, sondern mehr: mehr Charakter, mehr Präzision, mehr Erzählung.

Weinbegleitung: Frankreich als roter Faden

Begleitet wird das Menü fast ausschließlich von französischen Weinen, ergänzt durch eine deutsche Mosel-Ausnahme. Auch das passt zur Handschrift des Abends. Die Weine wirken nicht wie ein lauter Kommentar, sondern wie eine Verlängerung des Menüs: präzise, herkunftsbezogen, strukturiert. Gerade bei einer Küche, die stark mit Säure, Kräutern, Bitterkeit und floralen Noten arbeitet, braucht es eine Begleitung, die nicht überdeckt, sondern Spannung hält.

Ein Finale ohne Schwere

Bemerkenswert ist auch der Schluss. Nach Vanille, Milch und Kaluga Reserve Kaviar folgt Rhabarber mit Mädesüß. Für mich ein genialer letzter Akzent. Kein schweres, süßes Finale, kein klassisches Dessert-Donnerwetter, sondern Säure, Floralik und feine Bitterkeit. Mädesüß, eine Pflanze mit mandelartig-honigartigen Noten, gibt dem Rhabarber eine elegante Tiefe. Es ist ein Abschluss, der nicht sättigt, sondern nachklingt.

Genau darin liegt die Stärke von Toutains Küche: Sie bleibt in Bewegung. Sie fordert, ohne zu überfordern. Sie ist intellektuell, aber nicht kühl. Sie ist nachhaltig, aber nicht dogmatisch. Sie ist einfach naturverbunden.

Unser Fazit: Die neue Luxusfrage

David Toutain zeigt im Restaurant Ikarus, dass die Zukunft des Fine Dining nicht zwingend lauter, teurer oder exklusiver werden muss. Vielleicht wird sie präziser. Verwurzelter. Mutiger im Umgang mit Gemüse, Kräutern, Fermentation und Säure. Die neue Luxusfrage lautet nicht mehr: Was ist selten? Sondern: Was erzählt wirklich etwas? Und wenn eine grüne Erbse mit Orange und Tannenwipfel mehr Eindruck hinterlässt als manches Prestigeprodukt, dann hat David Toutain nicht nur ein Menü gekocht. Er hat eine Haltung serviert.

Menü David Toutain im Restaurant Ikarus, Juni 2026

Alge – Avocado – Buchweizen
Mais – Kümmel – Miso
Rote Bete – Himbeere – Gelbflossenmakrele
Gillardeau Auster – Kiwi – Crème fraîche
Grüne Erbse – Orange – Tannenwipfel
Zucchini – Zitronenmelisse – Sepia
Kabeljau – Fenchel – Schwarze Johannisbeere
BBQ Hummer – Spinat – Grapefruit – Wacholder
Burgaud Ente – Karotte – Kumquat
Vanille – Milch – Kaluga Reserve Kaviar
Rhabarber – Mädesüß

Menü komplett: 285 Euro
Menü verkürzt: 245 Euro, ohne Zucchini und Vanille

Über Alexandra Gorsche

Alexandra Gorsche ist Food-Journalistin, Moderatorin, Speakerin, Beraterin und kulinarische Stimme mit klarem Fokus auf Fine Dining, Hospitality und zeitgenössische Restaurantkultur. Sie ist Chefredakteurin von Genusspunkt, verantwortet die kulinarische Leitung von stayinart und schreibt für renommierte Verlage und Medienmarken wie den Callwey Verlag. In ihrer Arbeit verbindet sie Gastronomie, Kultur, Design, Reisen und Unternehmertum von Michelin-prämierten Restaurants bis hin zu aktuellen Food-Trends, prägenden Küchenpersönlichkeiten und innovativen Hospitality-Konzepten.

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