
Zwischen digitalem Fortschritt und emotionaler Gastlichkeit liegt ein Spannungsfeld, das die Gastronomie neu definiert. KI, Automatisierung und datenbasierte Prozesse verändern nicht nur Abläufe, sondern auch Haltung, Kommunikation und Erwartungen. Was einst als Spielerei galt, wird heute zum strategischen Muss. Und zur vielleicht wichtigsten Frage unserer Zeit: Wie bleibt der Mensch relevant in einer Welt, die sich digitalisiert?
Laut der Markterhebung von Circana (Mai 2025) verzeichnete die Gastronomie in Europa trotz sinkender Besucherzahlen einen Umsatzanstieg von +1 % im ersten Quartal – ein Wachstum, das auf digitale Touchpoints wie Click & Collect, Online-Bestellungen oder mobile Payment zurückzuführen ist. Diese machen inzwischen 7 % aller Gastronomie-Anlässe aus, mit einem jährlichen Wachstum von +7 %.
Besonders in Deutschland zeigt sich: Weniger Besuche, aber höhere Ausgaben pro Anlass. Eine neue Logik, die Effizienz und Erlebnis verbindet. Edurne Uranga, VP Foodservice EMEA bei Circana, bringt es auf den Punkt: „Wer digitale Wege klug nutzt, wird in einem anspruchsvollen Marktumfeld bestehen.“
Johann Schmuck, Gastronom in Stainz, hat seine Buchungs- und Rechnungsabwicklung längst digitalisiert: „Das spart Zeit, Papier und Nerven. Wir kommunizieren alles direkt online.“ Für ihn ist KI derzeit ein Tool für Texte, keine Küchenhilfe. Tobias Bätz (Posthotel Alexander Herrmann) sieht das ähnlich: „Wir nutzen KI als Sparringpartner. Emotion kann dir kein Tool geben, aber Perspektiven schon.“
David Daxner und Mike Süsser setzen im Gmundnerberghaus auf ein intelligentes Ticketing-System: Keine klassische Reservierung, sondern planbare Events. „Das gibt dem Team Struktur und schafft Raum für echte Gastfreundschaft“, so Süsser. Daxner ergänzt: „Wer bei uns beginnt, weiß Monate im Voraus, was wann passiert. Das verändert die Arbeitskultur.“
Mit „Lady Umami“ haben die F&B Heroes Deutschlands erste vollautonome Ghost Kitchen realisiert. Der Kochroboter, entwickelt mit GoodBytz, erreicht eine operative Marge von +33 % über Branchenschnitt, Bestnoten auf Wolt und hohe Wiederbestellraten. Tim Plasse, GF F&B Heroes: „Das ist nicht Zukunft, das ist Praxis.“
Auch Serviceroboter und Lieferdrohnen nehmen Fahrt auf. Unternehmen wie Starship Technologies haben bereits über sechs Millionen autonome Essenslieferungen durchgeführt. In Deutschland hinkt der Markt hinterher, zeigt aber wachsende Offenheit.
Digitale Feedbacktools, gezielter Newsletterversand und Bewegungsanalysen ersetzen nicht die Intuition, aber sie stärken die Entscheidungsgrundlage. „Hybride Systeme funktionieren“, sagt Süsser. „Viele Gäste sagen uns nichts ins Gesicht, aber schreiben online. Wir nutzen beides.“
Laut Statista haben 45 % der gastronomischen Betriebe digitale Kassensysteme, 26 % planen die Einführung. Kontaktloses Bezahlen, mobile Speisekarten und Online-Reservierungen sind für 71 % der Gäste ein Wunschkriterium.
Obwohl es öffentliche Förderungen für Digitalisierungsprojekte gibt, greifen nur 19 % der Unternehmen darauf zurück. 42 % kennen die Möglichkeit gar nicht. Viele scheitern an komplexen Antragsverfahren oder fehlender externer Hilfe. Gleichzeitig planen 28 % der Unternehmen Investitionen in mobiles Endgerätemanagement und Kollaborationssoftware. Die Weichen sind gestellt – was fehlt, ist oft der Mut zur Umsetzung.
Ob Förderungen, Zuschüsse oder Digitalisierungsberatung – wer investieren will, sollte sich nicht abschrecken lassen. Erste Anlaufstellen können sein:
Gerade im Bereich Digitalisierung gibt es in vielen Ländern Programme, die Gastronomiebetriebe explizit unterstützen – oft fehlt nur der richtige Hinweis.
Die Gastronomie der Zukunft ist hybrid: Sie vernetzt Technik mit Temperament, Planung mit Passion. Roboter können garen, aber nicht fühlen. KI kann texten, aber nicht berühren. Entscheidend bleibt die Haltung der Menschen, die diese Werkzeuge nutzen. Wer Digitalisierung nicht als Ersatz, sondern als Ermöglicher versteht, schafft Raum für echte Gastlichkeit – effizient, inspirierend und zukunftsfähig.
Gastronomie wird über alle Lebensbereiche hinweg emotionaler, flexibler und relevanter: Systemgastronomie zeigt mehr Charakter, Verkehrsgastronomie entwickelt sich vom Zwischenstopp zum Erlebnisraum und im Kontext von New Work wird Kulinarik zum zentralen Faktor für Kultur, Gesundheit und Arbeitgeberattraktivität.
Kulinarik entwickelt sich zum zentralen Baustein urbaner Räume: In Mixed-Use-Projekten schafft sie Frequenz, stiftet Identität und definiert Orte neu. Als sozialer Motor verbindet Gastronomie Menschen, belebt Quartiere und wird oft zum ersten sichtbaren Signal für Wandel. Gleichzeitig gibt sie dem stationären Handel neue Relevanz – verlängert Aufenthaltszeiten, steigert Frequenz und macht Marken unmittelbar erlebbar.
Bäckereien transformieren sich zu urbanen Lieblingsorten. Weniger Sortiment, mehr Statement. Brot wird Erlebnis – sichtbar, riechbar, emotional. Aber auch Hotels werden zu Lebenswelten – und F&B zum stärksten Differenzierungsfaktor im Wettbewerb um Aufmerksamkeit.
Zwischen digitalem Fortschritt und emotionaler Gastlichkeit liegt ein Spannungsfeld, das die Gastronomie neu definiert. KI, Automatisierung und datenbasierte Prozesse verändern nicht nur Abläufe, sondern auch Haltung, Kommunikation und Erwartungen. Was einst als Spielerei galt, wird heute zum strategischen Muss. Und zur vielleicht wichtigsten Frage unserer Zeit: Wie bleibt der Mensch relevant in einer Welt, die sich digitalisiert?