Trendblock 2026/27

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Pierre Nierhaus © Foto Joppen
30. Januar 2026 | 
Pierre Nierhaus

Der Trendreport 2026/27 ist der Versuch, Veränderungen zu lesen – als Chance für die Branche, aber auch als Weckruf für alle, die den Wert von Gastronomie bislang unterschätzt haben. Gastronomie ist Bühne, Bindeglied und Kompass zugleich.

Persönlichkeit ist wieder da: Das Comeback des Gastgebers

Individualgastronomie und Gastgeberkraft verschmelzen zu einem neuen Leitbild: Konzepte mit unverwechselbarer Handschrift, echten Gastgeberpersönlichkeiten und einer klaren Haltung prägen die Zukunft. In einer Welt voller Automatisierung wird Authentizität zum Alleinstellungsmerkmal – sowohl im Produkt als auch im Miteinander. Was zählt, sind Charakter, Nähe und eine spürbare Gastgeberkultur. Fokus auf das Kerngeschäft: Der Gastgeber arbeitet an der Inszenierung am Abend und überlässt anderen das Snack-Business.

Mindful Drinking: Trinken nach Moment statt Muster

Junge Gäste wählen situativ: alkoholfrei, low ABV, funktional. Bedürfnisse lösen Kategorien ab. Getränkekarten werden nach Anlässen kuratier – hybrid, überraschend, flexibel. Neben No- & Low-ABV gewinnt auch Tee als stilbildendes Getränk an Profil – vom Matcha-Ceremony bis zur regionalen Teekultur. Ebenso verschiebt sich der Fokus im Weinbereich: Herkunft, Handwerk und Terroir werden zu neuen Werten auf der Getränkekarte. Day-Drinking statt Clubs in der Nacht; Startschuss ist der Apéro.

Snack Society: Signature im Kleinformat

Snacks werden Hauptakteure: schnell, kuratiert, identitätsstiftend. Hero-Produkte ersetzen große Karten, Story und Design prägen Wiedererkennung. Qualität im Kleinformat wird Statement. Nicht nur das Produkt, auch das Erlebnis wird zum Signature – vom Packaging bis zur Präsentation, Snacks inszenieren Mini-Dramaturgien im Alltag.

KI trifft Küche: Digital, wo sinnvoll

KI hilft bei Planung, Einkauf und Feedback, bleibt aber Werkzeug. Entscheidend ist die analoge Erfahrung. Erfolgreiche Konzepte verbinden smarte Tools mit echter Aufmerksamkeit. Technik schafft neue Möglichkeiten: Allergene, Ernährungsstile, Tagesform und Geschmacksvorlieben fließen in Menügestaltung und Angebote ein. QR-Codes sind zugleich Speisekarte, Informations- und Storytelling-Tool, das Transparenz und Kontext schafft.

Wertegastronomie: Transparenz als Pflicht

Gäste erwarten klare Haltung: faire Lieferketten, gute Führung, Nachhaltigkeit. Nicht Perfektion zählt, sondern glaubwürdige Verantwortung als Teil der Marke. Zur Wertehaltung gehört neben Nachhaltigkeit und fairen Lieferketten auch moderne Führung – empathisch, verantwortungsvoll, klar in der Vision.

Bäckerei 2.0: Brot verbindet alles

Bäckereien werden Third Places: offene Werkstätten, sichtbares Handwerk, lokale Identität. Brot wird Bühne, Kultur und Statement – traditionell und innovativ zugleich. Brot wird zum Storyteller: von der Getreideauswahl bis zur Backtradition transportiert es kulturelle Identität.

Flexi-Food: Essen ohne Uhrezeit & Dogma

Urbane Rhythmen lösen klassische Mahlzeiten ab. Konsumenten passen ihre Essgewohnheiten der Situation und ihrem momentanen Lebensstil an. Gewinner ist der Flexitarier. Gute Gastronomie begleitet den Tag modular, durchgehend und flexibel – passend zum Lebensstil statt zur Uhr.

Longevity Cuisine: Genuss fürs längere Leben

Ernährung wird funktionaler: Fermente, Bitterstoffe, Pflanzenkraft, präzise Drinks. Longevity wird Mindset – kulinarisches Anti-Aging auf dem Teller. Auch im Glas wird gesund gedacht: Fermentiertes, adaptogene Pflanzenstoffe und funktionale Drinks begleiten das Longevity-Menü. Longevity ist ein Trend über Generationen hinweg – nicht nur für Ältere, sondern auch für die gesundheitsbewussten Jungen.

Planet first: Genuss mit Verantwortung

Kreislaufdenken, regionale Partnerschaften und transparente CO2-Bilanzen prägen zukunftsfähige Konzepte. Zero Waste und Upcycling z.B. im Design werden sichtbar gemacht. Nachhaltigkeit wird Ressource, nicht Bürde.

Küche ist der Star: Erlebnis mit Story

Essen wird multisensorisch, erzählerisch und interaktiv. Technik erweitert das Handwerk, doch die Story entscheidet. Erlebnis gewinnt, wenn es authentisch bleibt. Authentizität und Regionalität schlägt Siegel. Der Koch ist Mittler, Gestalter und Trainer für branchenfremde Teammitglieder.

Fazit: Die Zukunft gehört den mutigen Gastgebern

Ob Bäckerei, Systemgastronomie, Hotellerie oder Stadtentwicklung – überall zeigt sich derselbe Trend: Gastronomie wird zum emotionalen, sozialen und kulturellen Motor. Wer Haltung zeigt, Erlebnis schafft und konsequent kuratiert, gewinnt. Wer nur bewirtet, verliert. Die nächste Dekade gehört jenen, die Essen als Medium begreifen – für Beziehungen, Identität und gesellschaftliche Relevanz.

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Hightech, Low Human

Technologischer Fortschritt überholt menschliche Entwicklung

Wir leben in einer Welt, die sich schneller bewegt, als wir fühlen können. Künstliche Intelligenz schreibt Texte in Sekunden, Buchungssysteme optimieren ganze Hotels, Self-Check-in ersetzt Rezeptionen. Die Zukunft passiert im Sekundentakt und trotzdem haben viele Menschen das Gefühl, innerlich stehenzubleiben.

Das Paradox unserer Zeit lautet: Technologie beschleunigt uns, aber sie entwickelt uns nicht weiter. Während Maschinen immer intelligenter werden, verlieren wir oft die Fähigkeit, klar zu denken, bewusst zu entscheiden und wirklich präsent zu sein. Wir leben schneller, aber fühlen weniger. Wir wissen mehr, aber verstehen weniger. Und gerade in Branchen wie Gastronomie und Hotellerie, die von Menschlichkeit leben, wird diese Kluft dramatisch sichtbar.

KI 2026

Vom Experiment zur Struktur

Künstliche Intelligenz ist im Alltag vieler Betriebe angekommen – doch 2026 wird sie zur strukturellen Aufgabe. Nicht mehr das Testen einzelner Tools steht im Vordergrund, sondern die Frage, wie KI verlässlich, wirksam und organisationsweit eingesetzt werden kann. Beispiele aus Tourismus, Events und Organisationen zeigen bereits heute, wie Skalierung in der Praxis funktioniert – und wo KI konkret entlastet.

Für das Jahr 2026 zeichnet sich ein klarer Wendepunkt ab. Der firmenweite Einsatz von KI rückt in den Mittelpunkt. Zu diesem Ergebnis kommt der Hamburger KI-Experte und Interim Manager Eckhart Hilgenstock, der zahlreiche nationale und internationale Studien zur Entwicklung von Künstlicher Intelligenz analysiert hat. Sein Fazit ist eindeutig: „Nach der Phase der Pilotprojekte 2024/25 streben viele Unternehmen für 2026 die Skalierung der KI innerhalb ihrer Organisation an.“

Trendspotting München

Dry January: Vom Monatsphänomen zum Branchenstandard

Dry January ist längst kein Verzichtsmonat mehr. Er ist ein Seismograf. Für veränderte Gästewünsche. Für bewusstere Konsummuster. Für eine neue Ästhetik des Genusses. Wer 2026 noch glaubt, alkoholfreie Drinks seien bloß Limonade im Kristallglas, hat den Trend nicht verstanden. In der Bar Montez im Rosewood Munich zeigt Bar Manager Mario Sel, wie anspruchsvoll, strukturiert und gastronomisch relevant alkoholfreie Kreationen heute sein können und warum sie längst ein strategischer Bestandteil zeitgemäßer Barkultur sind.

quick & dirty
Brasserie of Lights SELFRIDGES, London © Pierre Nierhaus
Trendblock 2026/27

Der Trendreport 2026/27 ist der Versuch, Veränderungen zu lesen – als Chance für die Branche, aber auch als Weckruf für alle, die den Wert von Gastronomie bislang unterschätzt haben. Gastronomie ist Bühne, Bindeglied und Kompass zugleich.