Das ist eigentlich noch ganz gut

Warum wir mit „eigentlich“ zwar meinen, was wir sagen – nur eben nicht ganz
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Stefan Häseli
3. April 2026 | 
Stefan Häseli

Jeder Rhetorik-Trainer und jede Präsentationsspezialistin hält fest: „‘eigentlich’ kannst du streichen. Sag, was du sagen möchtest!“ Das stimmt natürlich. Denn wer sagt: „eigentlich finde ich das eine gute Sache“, denkt vielleicht: „mir gefällts, aber ich kann es mir nicht leisten“.

Von daher bin ich auch der Meinung: sagen Sie es doch einfach grad so!

Aber wie immer ist auch „eigentlich“ nicht einfach per se gut oder schlecht. „Eigentlich“ kommt ursprünglich von „eigen“. Gemeint war das, was einer Sache im Kern wirklich zu eigen/das eigene ist.

Oft schleicht es sich im zeitgemässen Sprachgebrauch in unsere Sätze wie ein höflicher Vermittler, der dafür sorgt, dass nichts zu scharf, zu direkt oder zu endgültig klingt. Man nutzt es fast automatisch.

Denn „eigentlich“ ist heute eher ein Meister der Abschwächung.

Aus einem klaren „Ich will gehen“ wird ein vorsichtiges „Ich wollte eigentlich gehen…“, das weniger nach Entschluss als nach gärender Absicht klingt. Plötzlich steht die Aussage nicht mehr fest, sondern wackelt ein wenig – sozial verträglicher, aber auch unklarer.

Gleichzeitig ist „eigentlich“ ein Spezialist für Zwischentöne. Wer sagt: „Er ist eigentlich nett“, meint selten nur Freundlichkeit. Das Wort öffnet eine Hintertür, durch die leise Kritik hereinspaziert. Es signalisiert: Da gibt es noch mehr, aber ich spreche es (noch) nicht aus.

Und bietet Schutz vor Konfrontation.

Vielleicht lieben wir „eigentlich“ genau deshalb so sehr. Es erlaubt uns, ein wenig ehrlich zu sein, ohne uns festzulegen. Es schützt vor Konfrontation und lässt Raum für Nuancen.

Oder anders gesagt: Mit „eigentlich“ meinen wir zwar, was wir sagen – nur eben nicht ganz. Aber wenn wir sagen möchten, was wir wirklich meinen, sollten wir es dennoch „eigentlich-frei“ tun.

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