
Im Juli 2026 bringt George Papazacharias, Chef des gefeierten Restaurants Delta in Athen, seine Interpretation moderner griechischer Küche nach Salzburg. Im Restaurant Ikarus im Hangar-7 zeigt er, warum Griechenland kulinarisch längst mehr ist als Moussaka, Souvlaki und Urlaubserinnerung und wie radikal zeitgemäß Herkunft schmecken kann.
Süßwasser und Meer, Bewegung und Sediment, Ursprung und Zukunft. Genau dieses Bild passt zu George Papazacharias. Der Athener Koch steht für eine Küche, die griechische Produkte nicht museal bewahrt, sondern in Bewegung bringt. Seine Gerichte erzählen von Tomaten, Masticha, Seeigel, Bergamotte, Sanddorn, Fenchel, Feige und brauner Butter – aber nie im Sinne einer folkloristischen Griechenland-Erzählung. Vielmehr geht es um eine neue Lesart griechischer Aromatik: präzise, reduziert, forschend und gleichzeitig tief emotional.
Im Juli 2026 ist Papazacharias Gastkoch im Restaurant Ikarus im Hangar-7 in Salzburg. Das Ikarus gilt seit über zwei Jahrzehnten als internationale Bühne für Spitzenköchinnen und Spitzenköche aus aller Welt; monatlich übernimmt ein anderer Gastkoch das Menü und bringt seine kulinarische Handschrift nach Salzburg.
George Papazacharias wuchs in Athen auf, mit jenen Produkten, Aromen und familiären Geschmackserinnerungen, die seine Küche bis heute prägen. Doch seine professionelle Prägung erhielt er in einigen der progressivsten Küchen der Welt. In Norwegen arbeitete er im Maaemo in Oslo und später im Under, dem ersten Unterwasserrestaurant der Welt. Weitere Stationen führten ihn unter anderem ins Alinea in Chicago, The Fat Duck in Berkshire und zu Quique Dacosta bei Valencia.
Als er 2021 nach Griechenland zurückkehrte, brachte er nicht einfach internationale Technik mit nach Hause. Er brachte eine neue Fragestellung mit: Was passiert, wenn man griechische Zutaten mit nordischer Präzision, Fermentation, Konservierung und radikaler Produktfokussierung zusammendenkt? Die Antwort heißt Delta.
Das Restaurant befindet sich im Stavros Niarchos Foundation Cultural Center in Athen, einem Kulturkomplex, der unter anderem die Griechische Nationaloper und die Nationalbibliothek Griechenlands beherbergt. Delta verbindet Fine Dining mit Kunst, Architektur, Nachhaltigkeit und einem zeitgenössischen Verständnis von griechischer Identität.
Bereits kurz nach der Eröffnung wurde Delta mit zwei Michelin-Sternen und einem Grünen Michelin-Stern ausgezeichnet. Laut offizieller Darstellung zählt es zu den prägenden Fine-Dining-Adressen Griechenlands; die Restaurantwebsite bezeichnet Delta als einziges Zwei-Michelin-Sterne-Restaurant des Landes.
Im Gespräch wird schnell klar: Papazacharias will griechische Küche nicht dekorieren, sondern befreien. Von Klischees, von touristischen Bildern, von der Erwartung, dass Griechenland immer gleich schmecken müsse. „Wir müssen klarstellen, dass wir keine Moussaka-Nation sind“, sagt er. „Viele Menschen kennen Griechenland kulinarisch nur über dieses Bild. Davon müssen wir Köche uns lösen.“
Das bedeutet für ihn jedoch nicht, Tradition zu verleugnen. Im Gegenteil. Papazacharias trennt sehr genau zwischen Erinnerung und Restaurantküche. Moussaka, sagt er sinngemäß, wolle er von seiner Mutter essen, nicht als technisch verfremdetes Fine-Dining-Objekt. Die moderne griechische Küche beginne für ihn dort, wo Köche reisen, lernen, zurückkehren und dann mit den besten Produkten ihres Landes arbeiten. „Ich glaube nicht, dass wir einfach griechische Küche kochen müssen. Griechische Küche essen wir bei unseren Müttern und Großmüttern. Im Restaurant geht es darum, mit den Aromen und Produkten Griechenlands zu arbeiten.“ Dieser Satz ist zentral, weil er das Missverständnis vieler moderner Länderküchen auflöst. Zeitgenössisch heißt nicht, Herkunft zu überschreiben. Zeitgenössisch heißt, Herkunft neu lesbar zu machen.
Wer Papazacharias nach einer griechischen Zutat fragt, die man besser verstehen sollte, erwartet vielleicht Olivenöl, Lamm, Fisch, Feta oder Oregano. Seine Antwort: Tomate.
Nicht als Salatbestandteil. Nicht als Garnitur im Souvlaki. Sondern als aromatisches Fundament. „Für uns hat die Tomate geholfen, das Geschmacksprofil vieler Gerichte zu formen“, erklärt er. „Das kann Tomatenessig sein, fermentierte Tomate, gepickelte Tomate, Öl von gerösteten Tomaten oder gereifte Tomatenpaste. Zusammen nennen wir das im Restaurant unsere Umami-Bombe.“ Hier liegt einer der größten Mehrwerte seiner Küche: Papazacharias arbeitet nicht mit Exotik, sondern mit Vertiefung. Eine scheinbar einfache Zutat wird durch Technik, Zeit und Präzision in verschiedene Aggregatzustände des Geschmacks übersetzt. Säure, Süße, Reife, Fermentation, Röstaromen und Umami werden aus einem Produkt herausgeschält, bis aus Alltag plötzlich Identität wird.
Das Juli-Menü im Restaurant Ikarus liest sich wie eine Reise durch Griechenland. Entlang von Texturen, Aromen und Kontrasten. Der Auftakt mit „Gegrilltem Blatt“, Zucchini, Birne und Wipfel wirkt fast wie ein Naturbild. Danach folgen Kalamar mit Koji, Daikon und brauner Butter, eine „Calla-Lilie“ aus roter Garnele und Bergamotte sowie knuspriger Seeigel mit Bottarga und Sanddorn. Bereits hier zeigt sich die Grammatik seiner Küche: Meeresprodukte treffen auf Säure, Bitterkeit, Fermentation und Fett. Nichts bleibt eindimensional. Besonders prägnant ist der Gang mit gepickelten Tomaten, Hummer, Kefir und Wildkräutern. Er wirkt wie ein Schlüssel zum Denken des Chefs: Die Tomate als griechische Erinnerung, Kefir als säuerlich-cremiger Kontrapunkt, Hummer als Luxusprodukt, Wildkräuter als Landschaft.
Der Drachenkopf mit Masticha, Champagnersauce und Kaluga Reserve Kaviar bringt eine weitere typisch griechische Komponente ins Menü. Masticha, das Harz von der Insel Chios, verleiht Speisen eine harzig-frische, leicht balsamische Tiefe. Im Zusammenspiel mit Fisch, Sauce und Kaviar entsteht daraus kein folkloristischer Akzent, sondern ein aromatischer Marker: Griechenland, aber anders gelesen. Es folgen Kabeljau mit eingelegter Pflaume und Tangerine, Pluma Ibérico mit Shio Koji und Eukalyptus-Vinaigrette sowie Wagyu Picanha mit Mangold, Osietra Kaviar, Fenchel und Feige. Zum Finale: „Raupe“ mit Kerbel-Sorbet, Cookie und Nobilis-Tanne sowie Mohn, braune Butter, Sanddorn-Karamell und Haselnuss.
Auch die Weinbegleitung greift die griechische Herkunft auf: unter anderem mit einem Blanc de Côteaux „Cuvée Amphora“ von Apostolos Thymiopoulos aus Makedonien, Assyrtiko „Ammonite“ von Gaia Wines vom Peloponnes und Vinsanto von Hatzidakis aus Santorin. Damit wird Griechenland nicht nur am Teller, sondern auch im Glas erzählbar.
Besonders spannend ist Papazacharias’ Blick auf die Vollendung eines Gerichts. Viele Köche beginnen mit Produkt, Technik oder Geschmack. Er beginnt oft mit dem Gefäß. „Ich arbeite anders“, sagt er. „Zuerst erschaffe ich die Keramik. Dann wird das Gericht konzeptionell.“ Das ist mehr als Designverliebtheit. Für Papazacharias ist das Geschirr Teil der Erzählung. Das Gericht soll nicht einfach schön aussehen, sondern eine gedankliche Spannung erzeugen. Es soll griechische Wurzeln haben, aber die Gäste gleichzeitig irritieren, herausfordern, neugierig machen. „Wenn Menschen ein neues Gericht probieren und nicht sofort identifizieren können, was sie essen – es aber gleichzeitig köstlich und konzeptionell ist –, dann ist es für mich vollständig.“ Darin liegt eine wichtige Unterscheidung: Das Visuelle darf stark sein, aber es ist nicht das Ziel. Es ist der Eintritt in eine tiefere Auseinandersetzung mit Geschmack.
Papazacharias beschreibt seine Küche mit einem paradoxen Begriff: „edible inedible“. Etwas sieht nach dem einen aus, ist aber etwas anderes. Etwas wirkt vertraut und entzieht sich doch der schnellen Zuordnung. „Ich möchte nicht, dass sich die Gäste nur auf das Visuelle konzentrieren“, sagt er. „Ich möchte, dass sie die Arbeit hinter der Verbindung der Aromen spüren.“ Genau das macht seine Küche so zeitgemäß. In einer Ära, in der Fine Dining oft über Bilder, Videos und visuelle Effekte vermittelt wird, insistiert Papazacharias auf Geschmack als intellektuellem und emotionalem Kern. Das Gericht soll nicht nur auf Instagram funktionieren. Es soll beim Essen Fragen auslösen: Warum passt das zusammen? Woher kommt diese Tiefe? Wie wurde diese Aromatik gebaut?
Delta trägt einen Grünen Michelin-Stern, doch Papazacharias definiert Nachhaltigkeit nicht nur über Produktkreisläufe, Ressourcenschonung oder Zero-Waste-Techniken. Natürlich spielt die vollständige Nutzung von Zutaten eine Rolle. Viele Produkte tauchen in mehreren Zubereitungen wieder auf, nicht aus Mangel an Ideen, sondern aus Respekt vor dem Produkt. Doch seine wichtigste Definition ist menschlicher. „Für mich geht es bei Nachhaltigkeit auch darum, wie sehr wir uns als Menschen umeinander kümmern“, sagt er. „Es geht nicht nur um Respekt vor Produkten, sondern auch um Respekt vor den Menschen, mit denen wir arbeiten.“ Dass viele Teammitglieder seit Jahren bei ihm bleiben, sieht er als Erfolg. In einer Branche, die oft von Fluktuation, Druck und Erschöpfung geprägt ist, ist das eine bemerkenswerte Aussage. Nachhaltigkeit ist hier keine Plakette, sondern Beziehungspflege. Kein rein ökologisches Konzept, sondern eine Kulturfrage.
Wie balanciert man Tradition und Innovation, ohne in Nostalgie oder Effekthascherei zu kippen? Papazacharias beantwortet diese Frage mit einem Leitsatz aus seinem Restaurant: „Tradition respektiert Innovation. Und Innovation muss Tradition respektieren.“ Dieser Satz fasst seine Küche vielleicht am besten zusammen. Er erlaubt technische Freiheit, aber keine Beliebigkeit. Er erlaubt Fermentation, Shio Koji, nordische Präzision und konzeptionelle Keramik, aber immer mit einem inneren Kompass: Geschmack, Produkt, Herkunft. Als er im schnellen Entweder-oder-Spiel zwischen Tradition und Innovation wählen soll, entscheidet er sich für Innovation. Aber sofort schiebt er nach: Innovation nur mit Respekt vor Tradition. Olivenöl etwa sei für ihn nicht bloß eine Restaurantzutat. Es sei mit Kindheitsbildern verbunden. Brot, rohes ungefiltertes Olivenöl, Sonntagessen, Familie. Manche Erinnerungen, sagt er sinngemäß, wolle er nicht zerstören, indem er sie zwanghaft modernisiere. Auch das ist eine Stärke seiner Küche: Sie weiß, wann sie eingreifen darf und wann sie etwas unangetastet lassen muss.
Sein Rat an junge Köch:innen ist direkt, fast schlicht und gerade deshalb stark: „Man muss stur sein. Und man darf sich von niemandem herunterziehen lassen. Auch wenn andere sagen, dass man nichts Großes schaffen kann: Es gibt immer Größe im eigenen Leben. Man wird sie in dem finden, was man tut.“ Dieser Satz passt zu einem Koch, der Griechenland nicht über Klischees verkauft, sondern über Präzision, Tiefe und Haltung. Papazacharias ist keine laute Persönlichkeit. Er wirkt konzentriert, klar, freundlich, fast zurückhaltend. Doch seine Küche hat eine enorme innere Spannung.
Das Gastkochmenü im Restaurant Ikarus zeigt nicht einfach, was George Papazacharias kocht. Es zeigt, wohin sich griechische Spitzenküche entwickeln kann. Weg vom Erwartbaren. Weg vom reinen Traditionszitat. Hin zu einer Küche, die mit Fermentation, Säure, Fett, Harz, Rauch, Reife, Kräutern, Meeresaromen und präziser Technik arbeitet. Eine Küche, die Griechenland nicht verkleinert, sondern vergrößert. Der eigentliche Delta-Effekt liegt also nicht nur darin, dass verschiedene Strömungen aufeinandertreffen. Er liegt darin, dass daraus fruchtbarer Boden entsteht. Für neue Ideen. Für neue Geschmacksbilder. Für eine moderne griechische Küche, die nicht erklärt werden will, indem man sie mit alten Schubladen vergleicht. George Papazacharias zeigt im Hangar-7: Griechenland schmeckt nicht nur nach Erinnerung. Griechenland schmeckt nach Zukunft.
Alexandra Gorsche ist Food-Journalistin, Moderatorin, Speakerin, Beraterin und kulinarische Stimme mit klarem Fokus auf Fine Dining, Hospitality und zeitgenössische Restaurantkultur. Sie ist Chefredakteurin von Genusspunkt, verantwortet die kulinarische Leitung von stayinart und schreibt für renommierte Verlage und Medienmarken wie den Callwey Verlag. In ihrer Arbeit verbindet sie Gastronomie, Kultur, Design, Reisen und Unternehmertum von Michelin-prämierten Restaurants bis hin zu aktuellen Food-Trends, prägenden Küchenpersönlichkeiten und innovativen Hospitality-Konzepten.
Haben Sie sich im Sommerurlaub schon mal dabei ertappt, wie Sie am Strandkiosk standen und sagten: „Ich hätte gerne zwei Kugeln von dem… äh… Eis-Dings da“? Herzlichen Glückwunsch, Sie haben gerade die vermeintlich wichtigste Vokabel der deutschen Sprache benutzt.
Dieses Buch ist kein Versprechen, sondern eine Einladung. Einfach Bau zeigt, wie sich das Denken der Drei-Sterne-Küche in den eigenen Alltag übersetzen lässt – nicht durch Vereinfachung, sondern durch Verständnis. Sarah und Christian Bau öffnen erstmals gemeinsam die Tür zu ihrer kulinarischen Welt und geben Einblick in eine Küche, die seit zwei Jahrzehnten Maßstäbe setzt: präzise, diszipliniert, zugleich offen für Neugier und Weiterentwicklung.
Was sofort auffällt: Die Rezepte sind klar strukturiert, logisch aufgebaut und von einem didaktischen Anspruch getragen, der ambitionierte Hobbyköch:innen ernst nimmt. Ob Miso-Aubergine mit Erdnuss, Garnelen mit Sesam-Brokkolini und Pak Choi oder eine Apfel-Tarte mit japanischem Rum – jedes Gericht erzählt vom Spannungsfeld zwischen klassischer französischer Schule und der japanisch geprägten Aromatik, für die Christian Bau international geschätzt wird. Gleichzeitig ist Sarah Bau als prägende Stimme deutlich spürbar: präzise, modern, mit feinem Gespür für Balance und Textur.
INFO
Einfach Bau – Sternküche für Zuhause
Autor:innen: Sarah Bau, Christian Bau
Fotografie: Markus Bassler (The Food Eye)
Verlag: DK Verlag
Umfang: 272 Seiten
ISBN: 978-3-8310-5081-9
Preis: € 36,00
Erscheinungsdatum: Oktober 2025
Die UNITI expo 2026 in Stuttgart hat ihre Rolle als führende europäische Fachmesse für die Tankstellen- und Carwash-Branche eindrucksvoll bestätigt. Mit 604 Ausstellern aus 43 Ländern, mehr als 20.500 Teilnehmern aus 114 Ländern und erstmals 45.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche wurde die sechste Ausgabe zur Rekordmesse. Die nächste UNITI expo findet von 16. bis 18. Mai 2028 in der Messe Stuttgart statt.
Im Juli 2026 bringt George Papazacharias, Chef des gefeierten Restaurants Delta in Athen, seine Interpretation moderner griechischer Küche nach Salzburg. Im Restaurant Ikarus im Hangar-7 zeigt er, warum Griechenland kulinarisch längst mehr ist als Moussaka, Souvlaki und Urlaubserinnerung und wie radikal zeitgemäß Herkunft schmecken kann.